Leben
Gerbert Mutter wurde am 21. August 1922 in St. Blasien im Schwarzwald geboren. Beide Eltern waren sehr musikalisch. Der Vater Otto, Prokurist im Sanatorium von St. Blasien, spielte Orgel und Klarinette und die Mutter Elisabeth, geb. Marbe, war eine gute Sängerin und Klavierspielerin. Gerbert, der Älteste, wuchs zusammen mit den vier ebenfalls sehr musikalischen Geschwistern Liselotte, Pia, Reginald und Hans in St. Blasien auf.
Gerbert Mutter besuchte bis zur kriegsbedingten Schließung das Kolleg in St. Blasien und anschließend das Friedrich-Gymnasium in Freiburg, wo er neben Französisch auch Latein und Griechisch lernte. 1941 erhielt er das Reifezeugnis (siehe Fotogalerie).
Ab dem Wintersemester 1946 bis 1950 studierte Gerbert Mutter an der Hochschule für Musik in Trossingen. Neben Komposition bei Helmut Degen und Gerhard Frommel nahm er Klavierunterricht bei Hans Brehme. 1949 erhielt er das Befähigungszeugnis als staatlich geprüfter Privatmusiklehrer für das Fach Klavier.
Direkt danach wurde er eingezogen und gelangte in sowjetische Kriegsgefangenschaft.
Von 1952 bis 1966 arbeitete Gerbert Mutter als Lehrer für Klavier und Musiktheorie am Jesuiten-Kolleg in St. Blasien. Nebenher unterrichtete er auch an der Kreismusikschule Hochrhein Südlicher Schwarzwald und studierte noch Musiktheorie an der Musikhochschule in Freiburg bei Karl Ueter. Zudem war er als Klavierbegleiter und Organist gefragt. 1966 folgte er dem Ruf der neu gegründeten Pädagogischen Hochschule in Lörrach als Dozent für Klavier und Musiktheorie. Bis zu deren Auflösung 1980 prägte er zahlreiche Studenten und mit einigen pflegte er später freundschaftlichen Kontakt. Ein wichtiger Aspekt seiner beruflichen Tätigkeit war stets die Ausbildung und Förderung des musikalischen Nachwuchses. Speziell begabte Musiker/Musikerinnen förderte er u. a., indem er Nachwuchskonzerte organisierte.
Nach seiner Heirat 1981 verlegte Gerbert Mutter seinen Wohnsitz von St. Blasien nach Waldshut. Er war nun ganz an der Jugendmusikschule Hochrhein Südlicher Schwarzwald und ab 1983 und bis zuletzt stellvertretender Schulleiter.
Gerbert Mutter bezeichnete sich zeitlebens als «St. Blasier». Er war tiefverwurzelt im Schwarzwald und lehnte nach dreimonatiger Bedenkzeit eine Professur in Trossingen ab, weil er seine Heimat nicht verlassen wollte. Alle, die mit Gerbert Mutter zu tun hatten, waren von seiner Persönlichkeit sehr angetan. Seine freundliche Art und seine Geselligkeit schätzten sie sehr. Gerbert Mutter freute sich immer, wenn er bei Proben seiner Stücke dabei sein durfte und blieb auch sehr gern zum Apéro.
Am 28. August 1989 starb Gerbert Mutter an einem Herzinfarkt in seinem Zuhause. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof in St. Blasien.
Kompositionen
Gerbert Mutter begann schon im Alter von 12 Jahren mit ersten Kompositionen für Familienfeste. Erhalten sind diese Frühwerke nicht. Zeitlebens verzichtete er selbst auf die Bezeichnung Opus, das war ihm zu «groß», er verwendete schlicht Nummern für seine Werke. Gerbert Mutters Gesamtwerk umfasst rund 250 Kompositionen unterschiedlichen Genres. Neben Stücken für professionelle Musiker war es ihm ein Anliegen, auch Werke für anspruchsvolle Laienmusiker zu schreiben. Er gehört zu den Komponisten, welche die eigenen Werke selbst bei Aufführungen hören konnten. Ein Schwerpunkt seines Schaffens bildete die sakrale Musik, basierend auf den traditionellen Kompositionstechniken im weiten Spannungsfeld zwischen Palestrina, Monteverdi, Gregorianik, Orff, Hindemith und Strawinsky, die er selbst als Leitbilder angab. Bedeutende Messen in deutscher und lateinischer Sprache wurden in ganz Deutschland, aber auch in der Schweiz, in Österreich und Italien aufgeführt. Groß ist auch die Anzahl der Kantanten über bekannte Kirchengesänge des Kirchenjahres (Advent, Weihnachten, Passion, Ostern, Pfingsten). Zu seinen Kompositionen zählen neben ernsten auch humorvolle Lieder für allerlei Besetzungen, für gleiche oder gemischte Stimmen, mit Begleitung (Orgel, Streich- und Blasinstrumente) für weltliche Anlässe. Daneben schrieb er Konzerte, Sonatinen und Spielstücke für Klavier, Geige, Oboe, Cembalo, Akkordeon und elektronische Instrumente. Eine echte Fundgrube für Organisten sind seine kurzen, teils auch längeren, «modernen» Kompositionen für Kirchenorgel. Er komponierte auch zahlreiche Werke für Bläsergruppen und Blasorchester. Hermann Egner bezeichnete die kurzen, konzertanten Stücke als «etwas vom Besten, was es auf dem Gebiet zeitgenössischer Blasmusik gibt.» Die Bedeutung seiner Werke zeigt sich auch in den vielen namhaften Verlagen, die seine Musik verlegten. Auch im SWR waren immer wieder Werke von Gerbert Mutter zu hören.
Der Schaffensstil von Gerbert Mutter wird in Musikkritiken häufig beschrieben mit «unverkennbarer Stil», «bemerkenswerte Größe», «erfindungsreiche organische Motivik», sangbare Linienführung» und «ungezwungene Harmonik». Elmar Klöckner, ehemaliger Domorganist von St. Blasien, führte mit großer Überzeugung etliche Vokal- und Orgelwerke des Komponisten auf, weil – wie er sagte – der Kompositionsstil eigenständig und unverkennbar ist. Schließlich soll Erwin Mohr (Badische Sängerzeitung Nr. 9/1979) zu Wort kommen, der Gerbert Mutters Kompositionsstil so treffend umschrieb: «Seine Vitalität ist nicht nur in den tänzerisch gehaltenen lebhaften und langsamen Sätzen der Bläserstücke hervorstechend. Auch die geistlichen und weltlichen Chorwerke sind spürbar erfüllt mit rhythmischen Schwerpunktsverschiebungen und trefflichen Akzentverlagerungen. Gerbert Mutters Sinn für klangliche Helle und Durchsichtigkeit ist ebenso ein Merkmal seines Schaffens wie sein Gespür für weitausladende Tuttiwirkungen bei den organisch vorbereiteten Schlüssen. Die Elemente des Melodischen, Harmonischen und Rhythmischen erfahren in den Vokal- und Instrumentalwerken Gerbert Mutters eine sich durch starke Eigenwerte, durch Geschlossenheit, klangliche Dichte und lineare Schönheit auszeichnende Synthese, die in ihrer Vielfältigkeit stets aufs Neue zu fesseln und zu überzeugen vermag.»
Die Uraufführung der «Fürstabt-Gerbert-Fanfare» (Werkverzeichnis Nr. 231) am 16. September 1989, die er anlässlich der Fürstabt-Gerbert-Woche in St. Blasien im September 1989 komponiert hatte, durfte er nicht mehr erleben.
Große Anerkennung fand der Komponist, indem er Auftragsarbeiten für namhafte Interpreten oder Konzertveranstaltungen erhielt. Beispielsweise komponierte er eine Messe für die Musiktage von Donaueschingen 1961, die er mit «Missa brevis» (Werkverzeichnis Nr. 59) überschrieb. An 1983 erhielt Gerbert Mutter als erst zweiter Träger den Alemannenring. Dieser wird auf Lebenszeit verliehen und geht nach dem Tod auf einen anderen Träger. Auf der Urkunde heißt es: «In Würdigung seines vielseitigen schöpferischen Werkes für den Chorgesang verleiht der Obermarkgräfler Sängerbund dem im alemannischen Sprach- und Kulturraum beheimateten und verdienstvoll tätigen Komponisten Gerbert Mutter den 1956 gestifteten Alemannenring.»